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Schnittkonstruktion lernen: Meine 6 besten Tipps für Einsteiger

 

Du Möchtest unabhängiger werden von Schnittmuster? Du hast viele eigene Designideen, aber es gibt keine oder nur wenige Schnitte die deinen Vorstellungen entsprechen? Die Passform von Fertigschnitten ist bei dir nicht zufriedenstellend, weil dein Körper nicht dem Standard entspricht? Dann wird es höchste Zeit dass du dich mit Schnittkonstruktion auseinander setzt! 🙂 Hier gebe ich dir die besten Tipps für den Start in dieses Abenteuer mit, damit auch du bald deinen eigenen Grundschnitt hast und den Mut beim konstruieren nicht verlierst!

1. Geduld und Ausdauer

Wenn du autodidaktisch lernst, so wie ich, ist dies der wohl wichtigste Punkt überhaupt. Einen Schnitt zu erstellen, der an deinem eigenen Körper perfekt sitzt erfordert unglaublich viel Ausdauer und Geduld. Denn nur weil die Masse stimmen, heisst das noch lange nicht dass wenn man einen Schnitt nach Lehrbuch mit den eigenen Massen zeichnet, dieser dann auch sitzt. Vieles hängt von den eigenen Proportionen ab! Ich bin z.B. eine sehr kleine Frau, habe im Verhältnis zum eher schmalen Oberkörper jedoch eine breite Hüfte, relativ breite Schultern, einen kurzen Rumpf und einen eher tiefen Brustpunkt. Ausserdem hab ich im Rücken eine leichte Taillenhebung. Dies alles sind Faktoren die man bei der Schnitterstellung berücksichtigen muss, wenn der Schnitt proportional zum Körper stimmen soll. Du solltest dich also auf eine lange Reihe Probemodelle einstellen, ehe du einen Schnitt hast der an deinem Körper passt und keine Falten mehr wirft.

2. Richtig Massnehmen

 

mass nehmen

 

Das A und O ist dass du dich absolut korrekt vermessen lässt. In jedem guten Buch zur Schnittkonstruktion (und glaube mir, du wirst eines benötigen, wenn du das wirklich in Angriff nehmen willst. Alleine mit Anleitungen aus dem Internet wirst du nicht das Ergebnis erzielen das du haben möchtest) sollte beschrieben sein wie man korrekt Mass nimmt und welche Masse für die Konstruktion benötigt werden. Leider musste ich feststellen dass der Besuch bei einer Massschneiderin nicht automatisch dazu führt dass man korrekt ausgemessen wird! In meinem Fall wurde die Rückenlänge und die Vorderlänge viel zu lang gemessen, was dazu geführt hat dass die Taille am Schnitt auf den Hüften meines Körpers sass – und da fragt man sich noch woher bloss diese Stauchfalten kommen… -.- Nimm dir also unbedingt viel Zeit und lass bei Unsicherheiten nochmals nachmessen.

3. Passformprobleme richtig erkennen und Falten „lesen“ lernen

Als ich mit Schnittkonstruktion angefangen habe, war mir gar nicht richtig bewusst was „Passformprobleme“ denn eigentlich sind. Wenn man an Kaufkleidung gewöhnt ist, dann sieht das menschliche Auge womöglich Passformfehler gar nicht mehr. Lediglich ein „Unwohlsein“ spürt man gegebenenfalls, wenn man das Gefühl hat dass das Shirt z.B. hinten immer hochwandert oder einen die Träger von der Schulter rutschen. Aber effektiv zu „sehen“ wo es nicht passt und die entstehenden Falten am Kleidungsstück richtig zu „lesen“ erfordert Erfahrung und ein geschultes Auge. Denn jeh nach Falten die am Kleidungsstück entstehen liegen verschiedene Passformprobleme vor die am Schnitt korrigiert werden müssen, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen. Mir hat hier geholfen dass ich viel in Foren und Blogs gelesen habe, und zwar in solchen die auf Schnittkonstruktion eingehen und Foren die viele Fragen zu diesem Thema beantworten.

 

Hier 2 Links, die ich absolut empfehlen kann, für jeden der sich mit Schnittkonstruktion befassen möchte:

 

https://www.michou-loves-vintage.de/ ist eigentlich mein lieblings Blog, sie hat einen so herrlichen Schreibstil und ist eine der wirklich wenigen die auf das Thema eingeht

 

https://www.hobbyschneiderin24.net/ Das beste mir bekannte Forum zum Thema Nähen und Schnittkonstruktion. Hier sind einige sehr erfahrene User dabei die auch gerne helfen bei Fragen zur Passform des konstruierten Schnitts oder auch zu allen sonstigen Fragen rund ums Thema Nähen

4. Geeignete Literatur

Auf dieses Thema bin ich in meinem ersten Post zur Schnittkonstruktion bereits eingegangen. Im deutschsprachigen Raum gibt es einige Werke, hier nennen möchte ich die gesammelten Bände von Müller & Sohn, die zwei konzentrierten Bände von Hofenbitzer welche auf dem System von Müller & Sohn basieren, die Konstruktionsbücher nach Gilewska und für die die der englischen Sprache mächtig sind, die nach Aldrich. Ich persönlich besitze die beiden Hofenbitzer, mir sagt das System wie er konstruiert und erklärt sehr zu und er versucht vorallem im 2. Band auf die verschiedenen Körpereigenheiten Rücksicht zu nehmen und erklärt sehr anschaulich wie man den eigenen Grundschnitt anpassen muss um auf die eigene (er nennt es „Problemfigur“) einzugehen. Grundsätzlich denke ich kann man davon ausgehen dass so gut wie jeder eine „Problemfigur“ hat und die eine oder andere Anpassung an seinem Schnitt vornehmen muss. Ein Grundschnitt der auf Anhieb perfekt sitzt und nach Standard konstruiert wurde gibt es in meinen Augen nicht. Um die Literatur zu finden die dir zusagt empfehle ich dir dich eingehend damit auseinanderzusetzen. Jedes System hat seine Vor – und Nachteile und jedes System führt auf seine Weise zum Ziel. Die Frage ist hier einzig was dir am besten liegt und auf welche Weise du am besten lernst.

5. Nicht aufgeben

 

grundschnitt oberteilTaillierter Oberteil Grundschnitt

 

Schnitte konstruieren ist ein recht trockenes, mathematisches und vor allen dingen Geometrie-lastiges Unterfangen. Alles Dinge, die ich früher nie mochte und im Prinzip auch jetzt noch nicht mag. Warum liebe ich trotzdem die Schittkonstruktion? Weil sie einem Unabhängigkeit und Freiheit bringt! Machen wir uns nichts vor: Ich stand schon mehr als einmal vor dem Punkt „einfach alles hinzuschmeissen“ und von nun an nach Fertigschnitten zu nähen, einfach weil man sich so viele Mühe gibt, alles versucht zu berücksichtigen im Schnitt und nach dem Heften des Probemodells stellt man dann trotzdem fest dass dies und jenes noch nicht stimmt (man bedenke natürlich: diese Probleme hätte man bei den Fertigschnitten noch viel mehr, da diese nach Standard konstruiert werden und eben nicht auf den eigenen Körper eingehen – der Sinn beim selber konstruieren liegt ja schlussendlich darin, dass man eine sehr gute Passform für den eigenen Körper erzielt.).

abgewandeltes modellAbgewandeltes Modell für ein Kleid mit Herzausschnitt, als Unterteil wird ein Tellerrock genäht

 

Jedoch: Wenn ich bedenke wie meine ersten Schnitte gesessen haben, was ich inzwischen über meinen Körper und über Schnitterstellung alles rausgefunden habe und was ich alles lernen konnte was funktioniert und was nicht, dann ist das schon ein gewaltiger Unterschied vom Anfang bis jetzt! Natürlich kommt es auch auf die eigenen Ansprüche an, wenn es einen nicht stört dass man z.B. ein paar Querfalten im Rücken hat dann ist es nicht so kompliziert ^^ aber wenn man eine möglichst gute Passform erzielen möchte dann dauert es schon recht lang bis man einen wirklich gut sitzenden Grundschnitt hat, vorallem braucht es Nerven, weil man immer und immer wieder den fast „gleichen“ Schnitt aus dem selben langweiligen Stoff nähen muss. Jeh nachdem wie sehr der eigene Körper von der Norm abweicht. Ich hatte irgendwann wirklich keine Lust mehr auf noch ein Nesselmodell und so sind die Keidungsstücke entstanden die ich hier im Blog schon gezeigt habe, die leider Passformmängel aufweisen. Aber ich wollte halt auch mal ein Modell nähen was mir vorschwebte, aus einem schöneren Stoff ^^. Manchmal braucht man auch eine Pause davon und drum, auch wenn die Passform vielleicht noch zu wünschen übrig lässt, sie sehen doch trotzdem toll aus meine Modelle 🙂 Aktuell stelle ich mich aber erneut der Herausforderung und bin wieder am feilen eines neuen Grundschnitts, zumal ein Teil der Masse die die Schneiderin bei mir genommen hat nicht stimmte, was dazu geführt hat dass ich ein ziemliches Durcheinander mit meinen Massen bekommen habe und nach dem ganzen Ausflug zur Schneiderin eher mehr verunsichert war als vorher, was meine Masse angeht. Ein Gutes hat das jedoch: man wird mit der Zeit viel schneller und mit Übung geht einen das Zeichnen sehr leicht von der Hand (ich konstruiere seit längerer Zeit am Computer). Der springende Punkt ist schlussendlich, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, bei Massfehlern nochmals genau nachmessen(lassen) und den Nesselstoff lieben lernen ^^ (und vielleicht hin und wieder ein Modell zu nähen, einfach weils Freude macht 🙂 ). Denn Übung macht den Meister!

 

6. Arbeite am besten systematisch, und wenn du nicht mehr alleine weiter kommst, such dir Hilfe!

Wenn du deinen ersten Grundschnitt erstellt hast, ihn mit Nessel probegenäht hast und darin vor dem Spiegel stehst, ist es wichtig (wie in Punkt 3 beschrieben) dass du siehst wo es noch nicht passt. Die Falten sollte man dann auf dem Nesselmodell abstecken. Diese Abnäher die dann entstehen kann man am Nesselmodell abnähen. Das Nesselmodell solltest du dann nochmals anziehen und schauen wie es jetzt aussieht, dort wo es jetzt besser passt, dann die Abnäher auf dem Grundschnitt zukleben, sie sollten immer an einer bereits vorhandenen Abnäherspitze hin enden. Den bereits vorhandenen Abnäher kannst du dann in der Mitte aufschneiden und mit Papier hinterkleben, er öffnet sich dann um exakt die abgesteckte Breite, die Abnäherschenkel werden dabei nicht verändert. Dann folgt das 2. Probeteil und so kannst du weiter arbeiten. Es wird sehr wahrscheinlich erforderlich sein, dass du den Grundschnitt nochmals neu zeichnest, wenn sich Änderungen ergeben die du nicht mittels Abnäher verändern kannst – wie zum Beispiel das versetzen der Taille. Wenn du an einen Punkt gerätst wo du nicht mehr alleine weiterkommst, weil du den Wald vor lauter Falten *lach* nicht siehst, dann such dir Hilfe von jemandem, der sich bereits intensiv mit der Materie auseinander gesetzt hat. Ich habe damit leider viel zu lange gewartet und ich hätte mir vermutlich einiges an Ärger ersparen können wenn ich mir früher Hilfe geholt hätte.

 

So das war jetzt viel Text, ich hoffe du bist jetzt nicht allzu sehr geplättet wenn du noch am Anfang stehst 😉

noch ein kleiner Zusatztipp:

Wenn du das erste Mal in so ein Schnittkonstruktionsbuch reinschaust kann das sehr „erschlagend“ wirken. Das heisst du wirst von Begriffen wie Häp, Väp, VL2, Brp etc. überschwemmt die du noch nicht kennst. Du siehst unglaublich viele geometrische Zeichnungen mit verwirrenden Linien. In diesem Moment empfehle ich dir: Mach das Buch nochmals zu, öffne es erneut und lies dir mal Schritt für Schritt die Konstruktion eines Rockgrundschnitts durch. Du wirst feststellen, dass alles genau erklärt wird und es gar nicht so kompliziert und schwierig ist so einen Schnitt zu zeichnen, wie du im ersten Moment gedacht hast 🙂 .

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