Figuranalyse Schnittkonstrukton bei Hypermobilität
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Erkenntnisse einer Figuranalyse – für die Schnittkonstruktion

 

Vielleicht kurz ein Vorwort für alle die nicht wissen was mit „Figuranalyse“ gemeint ist. Wenn man mit dem Oberteilgrundschnitt beginnt, dann zeichnet man zunächst mal einen taillierten Oberteilgrundschnitt, vielleicht in der Passformklasse 3 oder 4 (für ein eng anliegendes Kleid) in den eigenen Massen, über die Hüfte hinaus. Diesen ersten Schnitt näht man dann aus Nessel oder fester Baumwollwebware und probiert ihn an. Dann stellt man sich vor den Spiegel und schaut wo es nicht passt. Und bei mir, naja, bei mir passt das nirgends…… Aber genau rauszufinden WAS denn jetzt konkret anders ist als bei der „normalen“ Figur – das ist die sogenannte „Figuranalyse“ und die ist gar nicht mal so einfach…

 

Figuranalyse Schnittkonstrukton bei Hypermobilität

 

Vorwarnung! Dieser Post enthält Bilder von überdehnten Gelenken. Allen die hier Mühe haben empfehle ich nicht weiter zu lesen oder etwas vor die Bilder zu halten.

 

Was ich alles so rausgefunden habe…

 

Seit ich nähe entwerfe ich gedanklich immer neue Modelle. Seit ich nähe, konstruier ich auch Schnitte. Meine Modelle zu konstruieren ging eigentlich recht gut, hie und da noch ein paar Denkfehler – aber learning by doing, wie es so schön heisst. Seit ich nähe und konstruiere, versuche ich auch einen Grundschnitt für meinen Körper zu erstellen. Ich muss gestehen, das ist etwas, was sich bei mir als unglaublich schwierig herausgestellt hat. Mein Körper sieht zwar alles in allem gut proportioniert aus, aber die Proportionen selber entsprechen eben nicht der „Norm“ – und hier fängt das Problem an. Erst mal muss man eine genaue Figuranalyse machen. Das ist gar nicht so leicht wie es klingt! Was ich schon rausgefunden hab ist, dass mein Oberkörper im Verhältnis zu meinem Unterkörper schmächtiger und kürzer ist, als das standardmässig der Fall ist. Ich hab rausgefunden, dass ich 2 Hüften habe und eine unschöne Delle dazwischen, damit muss ich aber leben. Wenn man Strumpfhosen trägt ist es gar nicht mehr so schlimm 😉 . Ich hab ausserdem rausgefunden, dass ich ein kleines Bäuchlein hab, was Platz einfordert – daher verschiebt sich bei elastischem Material der Hüftbogen, den ich eigentlich zum überspielen meiner Delle eingezeichnet hatte dahin wo mein Körper Mehrweite braucht – zu meinem Bauch. Das ist auch der Grund warum das Überspielen hier bei Kleid Felicity nicht funktioniert hat. Bei Webware hingegen wandert der Stoff natürlich nicht, dort sieht es dann einfach so aus als hätte ich da an der Seite wo die Delle ist „zu viel“ Stoff, was ja eigentlich auch nicht mein Ziel war. Der Bauch hat weiterhin zu wenig Platz und es entstehen lustige Fältchen die zum Bäuchlein hinweisen – jeeeeiiii 😀 . Zwischen meinem Oberkörper und meinem Unterkörper liegen locker 2 Konfektionsgrössen! Das klingt furchtbar dramatisch, aber wenn man bedenkt dass ich oben zwischen XS und S liege sieht die Sache wieder anders aus ^^. Ich hab rausgefunden, dass ich nicht gerade dastehen kann aufgrund meiner Hypermobilität * und dass das genaue Messen meiner Körpermasse, vor allem die von Vorderlänge und Rückenlänge, sich als Ding der Unmöglichkeit erwiesen hat (ja ich weiss, Leute die nicht hypermobil sind können sich die Sache nur sehr schwerlich vorstellen. Aber es ist leider einfach wahr dass mein Rücken quasi ständig dabei ist sich selber zu stabilisieren, weil alles einfach überbeweglich ist, auch in den Knien. Ich fühl gar nicht dass ich mich scheinbar bewege, aber mein Mann kann 3-4 mal hintereinander messen, mit Taillenband und markiertem Startpunkt am 7 Halswirbel und kommt jedes mal auf ein anderes Ergebnis. Unterschiede von mehreren Millimeter bei jeder Messung. Und ja, hier kommt es leider auf den Millimeter an. Besonders für Webware. Sorry an der Stelle an die Massschneiderin, die ja auch falsch gemessen hat. Allerdings war bei ihr die Abweichung nicht Millimeter sondern bis zu 2 cm – und das ist nochmals eine andere Liga ^^ und nein, ich habe mich da nicht durchgestreckt 😉 ).

 

Ich möchte dir das hier etwas mehr veranschaulichen anhand von Bildern. Das hier ist meine Hüfte und mein Bäuchlein im Profil, wenn ich versuche „gerade“ zu stehen. Ich habe hier bewusst versucht meine Knie nicht durchzustrecken und mein Becken möglichst in normaler Position zu halten. Diese Haltung ist für mich auf die Dauer sehr anstrengend. Man sieht aber deutlich hier dass der Bauch sich trotzdem schräg nach vorne runter wölbt und das Becken hinten eine leichte Hebung hat. Ausserdem sieht man ein Hohlkreuz. Man achte auch auf die Seitennaht (bei dem Oberteil ist unten eine Raffung) die bereits etwas schräg ist.

 

 

Figuranalyse bei Hypermobilität für die Schnittkonstruktion

Nun folgt das andere Extrem. Das passiert wenn ich mich „entspanne“. Meine Knie voll durchstrecke und mein Becken nach hinten kippen lasse. Der Bauch wölbt sich massiv nach vorne runter, das Hohlkreuz ist jetzt richtig extrem und das Gesäss steht durch das gekippte Becken enorm nach hinten ab. So stehe ich relativ häufig da, eigentlich sollte man das nicht wenn man hypermobil ist, aber sowas passiert (kein Scherz) oft sehr unbewusst und automatisch. Weil das eine „bequeme Position“ ist für mich. Zwischen diesen beiden Positionen gibt es etwa 100 Feinabstufungen, alle erfordern Anstrengung von mir, ich kann sie nicht lange halten und ich kann auch nicht genau die gleiche Position erneut einnehmen, ausser die komplett überstreckte. Darum ist ein genaues Messen bei mir so gut wie unmöglich – Ich will den Schnitt ja nicht auf die Überstreckte Position anpassen, ich glaube das wäre ohnehin nicht machbar. Man achte auf die Seitennaht die hier nochmals deutlich schräger ist und auf die vielen neuen Falten im Rücken.

 

 

Figuranalyse bei Hypermobilität für die Schnittkonstruktion

Hier zeige ich dir noch meine Knie, und zwar zuerst in der möglichst „normalen“ Position (so in etwa hab ich sie für das erste Bild gehalten).

 

 

Figuranalyse bei Hypermobilität für die Schnittkonstruktion

 

Und hier noch im überdehnten zustand. Achte darauf wie sehr sich mein Knie vorne nach innen wölbt und hinten faktisch keine Kuhle mehr vorhanden ist, im Gegenteil, die Kniekehle wird zur Kniewölbung. Ich muss sagen, ich hab mich selber erschrocken als ich die Bilder sah. Vor allem habe ich für mich selber noch weitere Fotos gemacht die ich jetzt hier nicht zeige, Fotos welche mir Grund zur Sorge gaben.**

 

Figuranalyse bei Hypermobilität für die Schnittkonstruktion

 

Das war jetzt nur ein kleiner Exkurs in die Welt der Hypermobilität ^^. Eventuell werde ich im Rahmen eines Nähkästchens mal noch genauer darüber schreiben, sollte Interesse dafür vorhanden sein.

 

Faktisch also:

Ich habe rausgefunden, dass je nachdem wie ich meine Knie halte, ob ich sie ganz durchdrücke oder nicht, mein Becken unterschiedlich weit nach hinten absteht. Ich hab rausgefunden, dass ich ein Hohlkreuz habe. Ich hab rausgefunden dass meine Schulterneigung etwas ausgeprägter ist als die vom Standartschnitt. Ich hab rausgefunden dass meine Arme viel kürzer sind als die von den meisten Leuten.

 

Und sonst so? Ist überhaupt irgendetwas in der „Norm“ an meinem Körper?

 

Das ist komplett egal ^^. Irrwitzigerweise hab ich trotz aller Abweichungen rausgefunden, dass ich, nach meinem Empfinden oftmals eine bessere Passform erziele wenn ich eben nicht versuche all diese Abweichungen auszugleichen. Die Erkenntnis traf mich beim Designnähen vom Hoodie „Peer“. Der Schnitt ist grade herunter geschnitten, etwas was man bei mir sowieso vergessen kann. Ich hab also einfach eine Taillierung gezeichnet, da, wo in etwa meine Taille liegt (das ist ja auch so eine Millimeter Sache die man bei mir nicht genau messen kann) und zwar bin ich von der Grösse XS im Schnitt, in die Mitte von S und M gegangen zur Hüfte hin. Wenn ich nochmals zuschneiden würde, würd ich vermutlich sogar bis zum M gehen. Da ich in meinen Schnitten nie eine Nahtzugabe reinzeichne und die immer erst im nachhinein hinzufüge war dieses Arbeiten für mich sehr gewöhnungsbedürftig – so dass ich zunächst gar nicht realisiert hab dass da ja noch Nahtzugabe abgezogen wird. Und ich finde ganz ehrlich, die Passform ist gar nicht schlecht! Ich glaube offen gestanden, dass mehr gar nicht nötig ist und dass es faktisch unmöglich ist für meinen Körper einen passenden Oberteilgrundschnitt zu erstellen, in einem Stück.

 

Umdenken ist gefragt!

 

Was also tun? Statt weiter zu versuchen einen Grundschnitt in einem Stück zu erstellen, werde ich jetzt separat einen Grundschnitt machen für nur den Oberkörper bis zur Taille. Denn es gibt Schnitte, die passen entweder zur eigenen Figur oder eben nicht. Und dieses Webwarenkleid in einem Stück mit geradem Rock scheint schlicht nicht zu meiner Figur zu passen. Schon nur aufgrund der Tatsache, dass ich ein nach hinten gekipptes Becken habe, aber gleichzeitig ein Hohlkreuz. Nun für das nach hinten gekippte Becken sollte man die hintere Mitte nur wenig bis gar nicht einstellen, für das Hohlkreuz aber lieber noch mehr als es normal wäre. Und das widerspricht sich einfach total. Wenn ich ein durchgehendes Kleid möchte, kann ich bei Webware immer noch Längsteilungsnähte hinzufügen und den Rockteil ausstellen. Das sollte die Probleme im Bereich meiner Hüfte lösen. Für elastisches Material reicht es für mich nach Standard zu konstruieren und von einer Grösse auf die andere zu verbinden, so kann ich durchaus in einem Stück Kleidung nähen mit Maschenware. Hier lohnt es sich meiner Meinung nach nicht noch sämtliche Passformfehler zu beseitigen. Das verschwendet nur Zeit und ausserdem erzielt man durch solche Experimente nicht immer die beste Passform (Siehe Shirt Agnès. Ich glaube, dieses Shirt würde besser sitzen wenn ich es einfach nach Standard konstruiert hätte). Hier werde ich mich künftig darauf beschränken Längen -und Weitenverhältnisse weitestgehend anzupassen (sprich Ärmellänge, Modelllänge, Brust- und Hüftweite).

 

Und der Grundschnitt?

 

Wie oben erwähnt werde ich für Webware einen Grundschnitt machen für meinen Oberkörper bis zur Taille – Darüber werde ich auch zum ersten Mal wirklich ausführlich berichten, es lohnt sich also hier auch künftig vorbei zu schauen 😉 . Hier werde ich viel am Probemodell beobachten und abstecken und auf den Schnitt übertragen, weil ja auch die Masse nicht 100% stimmen, leider. Wenn ich das geschafft habe wende ich mich einem Rockgrundschnitt zu. Rock und Oberteil werd ich dann eventuell verbinden können, einfach mit einer Horizontalen Teilungsnaht (wobei ich nicht glaube dass diese „gerade“ sein wird). Werd ich in kauf nehmen, auch wenn viele Leute sagen dass das ein „No-Go“ sei bei kleinen Personen – man ist nur so klein wie man sich fühlt 😉 . Die Körpergrösse ist etwas vom irrelevantesten was es gibt auf der Welt (es sei denn man spielt Basketball oder versucht einen Schnitt zu konstruieren hahaha). Wenn ich dann Oberteil und Rock soweit habe werde ich wohl an die Hosen gehen ^^ aber alles zu seiner Zeit, erst mal den Oberteilgrundschnitt bis zur Taille und wenn ich den hab werd ich sicher erst mal ein paar Modelle machen 😉 . Alles aus Maschenware werde ich aber nur noch nach Standard machen für mich, ich seh hier den Sinn nicht wirklich. Ich trage ja schon mein Leben lang Kleidung „von der Stange“ aus Maschenware und hab mich immer wohl darin gefühlt. Es sieht auch gut aus. Die schräge Seitennaht und die Falten im Rücken sind durch die Hypermobilität bedingt und werden wohl immer ein bisschen da sein, bei Maschenware pfeif ich da jetzt aber drauf. Wenn du „normale“ Haltungsschäden hast empfehle ich dir den Schnitt gemäss Hofenbitzer 2 anzupassen. Für meine Probleme steht leider nichts in diesem und auch in keinem anderen Buch. Das müsste man erst neu schreiben. Aber das wirkliche Problem fängt tatsächlich erst bei der „gehobenen“ Kleidung aus Webware an. Zumindest meiner Meinung nach.

 

Hast du auch eine Figuranalyse gemacht? Musstest du auch schon mal einsehen dass eine Art von Schnitt einfach nicht zu deiner Figur gepasst hat? Schreib deine Erfahrungen doch in die Kommentare 🙂 .

 

*Hinweis: Für nicht betroffene wirkt Hypermobilität oft einfach wie ein lustiger Partygag. In Wahrheit kann diese Überbeweglichkeit aber enorme Probleme verursachen, die Liste ist schier endlos. **Ich leide seit dem jungen Erwachsenenalter unter chronischen Rückenschmerzen, Nackenschmerzen und daraus resultierenden, immer wiederkehrenden Kopfschmerzen. Da meine Hypermobilität in allen Gelenken vorkommt und darüber hinaus noch sehr extrem ausgeprägt zu sein scheint, drohen mir in jungen Jahren bereits Krankheiten wie Arthrose. Ich glaube auch dass Stricken vermutlich bei solch überdehnbaren Fingergelenken nicht so ideal ist, ich merke auch dass ich häufig Schmerzen bekomme wenn ich lange stricke. Aber was tut man nicht alles für sein Hobby. Da ich mich in letzter Zeit etwas vermehrt mit der Hypermobilität auseinander gesetzt habe und einfach merke, dass meine Beschwerden immer weiter zunehmen und ich über die letzten Jahre gefühlt zu einer „alten Frau“ geworden bin, werde ich bei mir das Ehlers-Danlos Syndrom abklären lassen. Eine sehr seltene Krankheit die sehr unterschiedlich verlaufen kann. Einige Ärzte glauben es gibt keinen Unterschied zwischen dem Hypermobilitätssyndrom und dem Ehlers-Danlos Syndrom hypermobiler Typ. Ich denke ich werde hier noch einmal darüber berichten, sobald ich bei mir abklären konnte worunter ich seit Lebzeiten leide. Wenn dich das Thema interessiert oder du vielleicht sogar selber von Hypermobilität betroffen bist, schreib es in die Kommentare. Je mehr man darüber spricht und je mehr Leute über die Folgen bescheid wissen, desto grösser ist die Chance dass solche seltenen Krankheiten künftig schneller erkannt werden. Ich bin jetzt immerhin 30ig und kein Arzt hat mich je auf diesen möglichen genetischen Defekt hingewiesen, obwohl ich immer wieder beim Arzt war mit chronischen Schmerzen, blockierten Wirbeln und weiteren Issues, die nie jemand als „Gesamtbild“ betrachtet hat.

 

 

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2 Comments

  1. Hallo Jasmin, vielen Dank für deinen Artikel, ich fange gerade erst an herauszufinden, warum mir ein Schnittmuster Schnitt nie passt und was ich ändern soll /kann /muss. Was ich so gedacht habe, als ich über deine Probleme beim Mass nehmen durch die Hypermobilität gelesen hatte – wie wäre das, wenn du dich im liegen messen lassen würdest? Ich weiß nicht, ob man so ein genaues Mass bekommt, es war nur so ein spontaner Gedanke. Liebe Grüße Ines

    1. Hallo Ines 🙂 ! Das ist eine Idee die ich unbedingt ausprobieren muss. Vielen Dank dafür, darauf bin ich bisher noch nicht gekommen. Vielleicht hab ich Glück und es funktioniert tatsächlich, ich werde es auf jeden Fall mal ausprobieren 🙂 Was hast du bei deiner Figuranalyse bisher schon rausgefunden? 🙂

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