Nicht-Basler Fasnacht 2020
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Geschichten aus dem Nähkästchen #17

 

Die letzten Tage waren die schwersten seit langem für mich. Mein Herz und das 1000er „Bebbis“ wurde auf einen Schlag gebrochen am Freitag Morgen. Just als ich in meiner Physiotherapie war, hat der Bund der Schweiz ein Veranstaltungsverbot von Anlässen mit mehr als 1000 Teilnehmern verkündet. Das war der Anfang vom Ende.

 

Nicht-Basler Fasnacht 2020

Als in Basel das Licht nicht ausging oder: De stilli Morgestraich – e Hyylgschicht

 

Die meisten die meinen Blog lesen kommen aus Deutschland. Es ist jetzt etwas schwierig das Drama das sich abgespielt hat zu beschreiben und erst noch auf Hochdeutsch, drum verzeiht, wenn ich zwischendurch ins Schweizerdeutsche wechsle.

Was wohl keiner meiner Blogleser bisher von mir weiss: ich bin Basler Fasnächtlerin. Ich selber bin zwar keine Baslerin, ich wohne nicht in dieser Stadt und bin auch nicht dort aufgewachsen. Aber mit de drey scheenschte Dääg bin ich aufgewachsen. Seit ich 2 Jahre alt war bin ich jedes Jahr am Morgestraich. Morgestraich……. das isch s’scheenschte uf dr Wält. Wenn’s am Mäntig 4i schlooht und in Basel s’Liecht usgooht. Nu spielt die ganzi Stadt uf de Drummle und em Piccolo zämme dr Morgestraich.. und denn noonemol. Und denn Laufe sie zu de Alte Schwyzer oder was sie in ihrem Repertoire hän.. und derzue sehsch eeberall die wunderscheene Ladäärne lüüchte, die grosse Zugladäärne, die kleine Kopfladäärnli und d’Stäggeladäärne und du schwebsch seelig dur die alti Stadt am Rhy.. s’isch Morgestraich… s’isch Morgestraich…….

 

Aber das Johr nid…

Das unmögliche wurde wahr. Nach dem der Bund also die Veranstaltungen mit über 1000 Personen untersagt hat, hat die Basler Regierung der Sache die Krone aufgesetzt. Sie haben ausnahmslos sämtliche aktivitäten die irgendwie mit der Fasnacht in Verbindung stehen verboten. Dazu zählen selbst Theater mit fasnächtlichem Inhalt, die, wenn sie ein anderes Stück aufgeführt hätten, hätten spielen dürfen. Wegen eines Virus. Dem Coronavirus.

 

Waggis

 

Briegge nid als briegge..

Für mich bedeutete das der komplette Zusammenbruch. Seit Freitag Mittag versank ich im Tränenmeer. Ein Jahr ohne Fasnacht? Ohni Morgestraich? Das gooht eifach nid! Jemand der noch nie da war kann es nicht begreifen. Die Fasnacht ist kein „Fest“ in dem Sinne. Sie ist nicht bloss „eine Tradition“. Die Fasnacht ist viel mehr als das. Sie bedeutet Leben und sterben. Fröhlichkeit und Melancholie. In gewissen Momenten ist man dem Tod sehr nah. Man spührt die Vergänglichkeit von allem. Und doch fühlt man sich in diesen drei Tagen lebendiger, als in jedem anderen Moment im Jahr, in dieser alten Stadt am Rhein. Wo die Jungen und die alten alle zusammen Fasnacht machen. Ja, wir MACHEN Fasnacht. Und jeder tut dies in Basel auf seine eigene Art und Weise. So heissts denn au: Jedem SY Fasnacht.

 

Heb di fescht: Jetz miemmer zämmeheebe!

Ich brauche diese 3 Tage, damit es mir gut geht. Damit ich mich spüre, damit ich frei sein kann. Fasnacht bedeutet Freiheit. Und diese Freiheit haben sie uns genommen. Lapidar. Ganz einfach so. Unter dem Deckmantel der „Gesundheit“. Das ganze wird noch mehr ad absurdum geführt wenn man bedenkt dass ein paar Kilometer weiter in Weil am Rhein die Fasnacht ganz normal stattfand. Und diese Leute kommen dann nach Basel zur Arbeit. Der pure Sisifus.

Aber so einfach geht das eben nicht. So wie mir ging es sehr vielen. Wir brauchen die Fasnacht. Man kann nicht einfach so tun als wär sie nicht da. So schmiedeten die Fasnächtler auf Facebook eifrig Pläne was man denn machen könnte, um möglichst keine Gesetze zu übertreten, aber dennoch Frau Fasnacht willkommen zu heissen. Denn wir konnten uns alle nicht vorstellen was es bedeuten könnte, wenn am Morgestraich einfach gar nichts passiert….. Ich war noch nie so froh dass es Facebook gibt.

 

Blaggedde

Dr stilli Morgestraich

Normalerweise kann ich in der Nacht vor dem echten Morgestraich kaum ein Auge zumachen. Mein Herz klopft vor Vorfreude schnell und wenn am Morgen um halb 3 dann der Wecker klingelt bin ich meistens schon lange wach. Dann zieh ich mich schnell und warm an, wenn ich aktiv bin dann natürlich ein Goschdym, in den passiven Jahren einfach wirklich so dass ich nicht friere (manch einer lernt es nie. Am Morgestraich isch es KALT. Egal wie „warm“ d’Temperatur ahgseit wird, es wird IMMER irgendwenn kalt! Drum warm ahleege! Mit Termos Unterwösch und Wulestrümpf am beste!). Auch dieses Jahr hab ich mich dann warm angezogen und war auch ein bisschen getrieben. Aber nicht vor lauter Vorfreude, sondern von Angst. Vor Angst weil um 04:00 das Licht nicht ausgehen wird. Niemand einsteht, kein Piccolo und keine Trommel erklingt…

Im Hotelflur trafen wir dann eine Frau, die sich auch gerade auf den Weg gemacht hat. Auch sie hatte diesen ganz speziellen Ausdruck von Traurigkeit und Unverständnis in den Augen und auch sie musste trotzdem in die Stadt, um zu erleben, was denn am 4i passiert… So brachen wir zu dritt auf und wir sollten nicht alleine bleiben.

 

Am 5 vor 4i ufem Rümelins…

Auf dem Barfüsserplatz verabschiedeten wir uns von der Frau mit der wir in die Stadt gegangen waren, sie ging weiter Richtung Märtplatz. Mein Schatz Christian und ich gingen zuerst zum Hotel wo meine Eltern übernachten. Dort oben war es aber wie ausgestorben, also haben wir abgemacht dass wir uns auf dem Märtplatz treffen. Mein Schatz und ich gingen also los runter zum Märtplatz. Dort waren viele Leute, die wenigsten trugen ein Goschdym und Larve hab ich gar keine gesehen (Larven sind die Masken in Basel). Ich wurde immer nervöser und trauriger. Die Stimmung war wie sie immer in etwa ist auf dem Märtplatz. Laut und grölig. Und das ist nicht MEINE Fasnacht. Also entschied ich mich um 5 vor 4 doch noch hoch zu laufen zum Rümelinsplatz. Und auch da waren Leute, die Stimmung aber ruhiger, ohne gejohle. Wie das eben normalerweise ist auf dem Rümelinsplatz. Also blieben wir dort. Meinen Eltern hab ich Bescheid gegeben, diese waren just auf dem Weg nach unten und wollten nun auch zum Rümelins kommen. Um 03:58 zündeten Christian und ich eine Kerze an… Und auch damit sollten wir nicht alleine bleiben….

Wenns 4i schloht und s’Liecht nid usgooht…

Und denn… 03:59… Swird zmol ganz ruhig uf dr Gass. Kein seit meh en Ton…. Denn ghöre mers vom Münster oobenabe… die 4 Schläg wo uns alles bedüüte. Sisch 4i. Und z’Basel isch de Nicht-Morgestraich, der Stilli Morgestraich. E bitz entfärnt, was han ich vernoh? Da hör i doch e Piccolo! Und en Drummle gheer i ruesse! DER MORGESTRAICH! DER MORGESTRAICH! Und um mich ume dien sie singe, d’Melodie vom Morgestraich dien sie zu uns bringe. Und ich sing mit. Dernoooh mache sie wiiter, mit de alte Schwyzer, alli singe sie. Und denn lauft e Clique verbii ganz als wäre sie normal am speele, laufe sie an dr andere verbii und singed ihri Melodie. Nur s’Liecht… das bliibt ah……..

 

Es Corona-Bier für min Papi

I han Träne in de Auge und heb mi Schatz fescht. Es freut mis Härz so sehr dass nid alles still isch, dass nid eifach nüüt isch. Denn träffe mer mini Eltere, ihne gahts wie uns. Mer stönd zämme bim Brunne am Rümelins-Platz und lueged am Geschehe zue. Mer witzled zämme um die Absurdität, sind alli froh dass es es paari git wo doch no Fasnacht mached. I schänk mim Papi es Corona Bier und säb wird sogar no fotografiert (nid nur vo uns ^^). Dernoh ziehnd mer wiiter ume, in de Gasse wo jetzt eigentlich Pfyffe und Ruesse sotte. Mer mached s’beschte drus. Am halbi 6i isch alles verbii und mer gönd heim zue ins Hotel.

Das isch er gsi, der stilli Morgestraich.

 

Corona Bier

No es Stuck Kääswäie

Um 10 Uhr stehen wir wieder auf und checken aus dem Hotel aus. Eigentlich hätten wir wie jedes Jahr die ganzen 3 Tage in Basel verbringen wollen und am Donnerstag nach der Fasnacht nach hause fahrn. Aber das konnt ich meinem Herzen nicht zumuten (Hut ab vor meinen Eltern, die haben es bis zum bitteren Ende durchgezogen und „Geisterfasnacht“ gemacht). Aber bevor Christian und ich uns verabschieden, haben wir uns alle nochmals im Grand Café Huguenin am Barfüsserplatz getroffen und es Stuck Kääswäie gässe. Denn au das ghört zum Morgestraich, um de mer eus das Johr betroge hät.

 

Desilusioniert und allem beraubt wo mir Freud bringt simmer Heim gfahre mit em Zug. Do luege mer de Räscht vo de Geisterfasnacht im Netz. Jedi no so kleini Aktion wird gfilmet und taucht im Netz uf (Danke an alli wo das usghalte hänn und uns die paar wenige Fasnachtsmoment heim in d’Stuube gschickt hänn!)

 

Der näggscht Morgestraich…

Ich wett, bir Frau Fasnacht, niemeh so ne Alptraum wie 2020 erlääbe. Au wenn die Nicht-Fasnacht jetze in d’Gschicht igooht, i glaub es goht uns allne glich. Mer gsehn uns am 22. Februar 2021, wenns weder heisst: Morgestraich! Vorwärts, MARSCH! Und denn… wird s’Liecht weder usgoh…

 

Do noone Bild, wie das eigentligg sott usgseh, überall in de Stadt. Und uf däm Bild gseht mer eifacht Kopfladäärnli:

 

De ächt Morgestraich

 

Rädäbäng Rädäbäng Rädäbäng bäng bäng!

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2 Comments

  1. Jo e bsunderi Fasnacht, sälbscht fir uns AGGtivi, aber mir hänn halt improvisiert und hänn uns mit de GuGGe eigene Rägeschirm gege dä Virus “ abgschirmt“ ( siehe Fotos).
    Mir hänn au uff dämm Wäg de Plausch kha.
    e liebe Gruess us Basel
    Helmut

    1. Jä, i glaub jede het uf sini Art s’beschte us däre Situation versuecht zmache. I bin au mega froh isch de Zämmehalt unter de Fasnächtler eso do!

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